Zutrauen – das (geheime) Erfolgsrezept des Kirchentages

Vor nun schon mehr als einem Jahr entstand dieser Text, der bei vielen Kolleginnen und Kollegen so viel Zustimmung hervorrief, dass ich mich nun traue, ihn zu veröffentlichen.

Alle zwei Jahre starten die Kirchentagsplanungen mit einer Geschäftsstelle in einer neuen Stadt. Alle zwei Jahre lassen sich Menschen überzeugen, in Städte zu gehen, die sie mal mehr oder weniger schätzen, oft fernab von Familie und Freunden. Und das nicht wegen der Gehälter, sondern weil Idee, Arbeitskultur und Menschen uns überzeugen. Warum das auch als Abteilungsleiterin beim Stuttgarter Kirchentag für mich galt, habe ich versucht in zehn Thesen zu fassen.

Zum Hintergrund des Kirchentages:

Kirchentage finden alle zwei Jahre in einer anderen Stadt statt. Sie dauern fünf Tage, beinhalten weit über 2.000 Einzelveranstaltungen in 200 Veranstaltungsorten einer Stadt und zogen die letzten Male mehr als 100.000 Menschen aus Deutschland und der ganzen Welt an. Von den 100.000 sind rund die Hälfte auch an mind. einer Stelle beim Kirchentag beteiligt. Sie helfen, organisieren, moderieren, machen Musik auf Bühnen, sammeln Müll ein und vieles mehr.

Organisiert werden Kirchentage von einem sehr gemischten, dabei auch größtenteils sehr jungen Team von Hauptamtlichen. Wir starten ca. anderthalb Jahre vor der Veranstaltung mit 20-30 Personen, meist Erfahrungsträgern eine Geschäftsstelle vor Ort und wachsen bis zur Veranstaltung auf rund 100 Mitarbeitende an.

Der Kirchentag offeriert diesen Mitarbeitenden kurze Verträge, Unsicherheiten zu Verlängerungen (und dann sind diese nur mit Stadtwechsel möglich), Familienfreundlichkeit ist durch die Projektstruktur schwer bis unmöglich, inhaltliche Mitgestaltung nicht vorgesehen (da dies die den vom Zentralen Büro begleiteten ehrenamtlichen Vorbereitungsgruppen vorbehalten ist), fast ein halbes Jahr gilt Urlaubssperre, Wochenendtermine sind Pflicht, Überstunden werden nur bedingt ausgeglichen und die Bezahlung ist für Akademiker_innen mäßig. Warum also machen so viele mit Herzblut und trotz oft hoher sozialer Kosten diesen Wahnsinn mit?

1. Hauptthese: Weil es uns zugetraut wird!

Viele, die beim Kirchentag anfangen, erleben es als ein Springen auf einen immer schneller fahrenden Zug. Viele sind schon an Bord, alle machen irgendwas, von dem man maximal die Hälfte beim ersten Mal versteht, ständig kommen neue dazu und zwischen all dem Gewusel erhält man einen Schreibtisch, Computer und Passwörter, im Idealfall ein Dutzend einführende Schulungen, von denen man nur einen Bruchteil behält, aber lernt, dass hier alles ordentlich strukturiert ist. Und dann sollst du machen. Mit nur der Hälfte der gefühlt nötigen Infos, eine Broschüre gestalten, Menschen motivieren, am Telefon Beschwerden beantworten, irgendwas irgendwohin organisieren oder klären. Am besten gestern noch. Und so stapfst du los, stellst Fragen, sammelst Infos, stellst fest, dass die Hälfte der Kolleginnen auch nicht ganz genau wissen, was ihr Beitrag zu deiner Frage ist, lernst, dass persönliche Kommunikation nur bedingt von E-Mails zu ersetzen ist und löst die Aufgabe. Und dann hast du schon die nächste, falsch, dann ist dein Schreibtisch schon unter dem Aufgabenberg kaum noch zu sehen.

Aber niemand zweifelt daran, dass du das schaffen wirst. Wenn es niemand tut, warum solltest du daran zweifeln, die anderen haben doch vom Kirchentag mehr Ahnung als du, oder?

Beim Kirchentag ist mir selten passiert, dass jemand fragte, warum ich mich bei einem Thema einmische, ob ich eigentlich Ahnung habe, von dem was ich tue, welche Entscheidungsbefugnis ich habe. Wenn ich mich eines Themas annehme, gehen die Kolleg_innen davon aus, dass ich dazu kompetent bin (oder mich kompetent mache) und einen guten Grund für meine Einmischung habe (nicht zuletzt, weil ich vermutlich auch genug anderes zu tun hätte;-)

Ich mühe mich dieses Zutrauen nicht zu enttäuschen und umgekehrt Vorschussvertrauen zu schenken.

2. Weil das Ziel klar ist!

Kirchentag findet statt. Der Termin steht fest, wenn du dafür zu arbeiten beginnst. Verschiebung des Projektziels ist keine Option. Und je näher es rückt, desto mehr schwankst du zwischen Angst und Beruhigung, dass dieses Datum kommen wird und vorbei sein wird.

Niemandem beim Kirchentag muss man das erklären. Alle wir Verrückten wollen gemeinsam das Gleiche: Einen organisatorisch gelungenen, sicheren, im finanziellen Rahmen bleibenden Kirchentag organisieren, den unsere Gäste genießen können und von dem sie bereichert zurückgehen.

3. Weil wir Verantwortung mit weitem Blick übernehmen!

Kirchentage arbeiten in Hierarchien und starker Aufgabenteilung. Geschäftsführung, Abteilungsleiter, Teamleiterinnen, Mitarbeitende und das aufgeteilt in rund 10 Abteilungen. Was ich organisiere, dafür übernehme ich Verantwortung. Was ich entscheide, dafür stehe ich ein. Wenn ich mir unsicher bin oder die Entscheidung Konsequenzen über meinen Aufgabenbereich hinaus hat, spreche ich mit den Beteiligten und wir treffen Entscheidungen gemeinsam. Das kann eine Rücksprache mit der nächsten Ebene ebenso bedeuten, wie eine Abstimmung auf selber Ebene. In nicht auf gleicher Ebene lösbare Dinge entscheidet jeweils die nächste Ebene.

Ich übernehme dabei zwei Verantwortungen, die sich manchmal widersprechen: Verantwortung für meine Aufgabe d.h. als Abteilungsleiterin besonders für mein Team und Verantwortung für das Gesamtwohl des Kirchentages – selbst wenn das mal für mich oder uns im Team Nachteile hat. Aber siehe 2. am Ende müssen wir ja wohl doch gemeinsam EINEN Kirchentag organisieren.

Natürlich gibt es Grenzen und klar definierte Fälle, in den die Geschäftsführung eingeschaltet werden muss, sei es bei Personalentscheidungen, größeren finanziellen Ausgaben, Dinge mit weitreichender Öffentlichkeitswirkung. Das schützt auch vor Überforderung und sichert den weitreichenden Blick. Und schließlich versuchen wir auch unseren Geschäftsführern gute Entscheidungen zuzutrauen 😉

4. Weil wir miteinander reden!

Weil am Ende ein Kirchentag herauskommen muss, d.h. alle Teile des Mosaikes ineinander passen müssen, setzen wir auf Abstimmung. Statt Rundmails gibt es zahllose Sitzungen, statt Prozessdiagrammen machen wir Abstimmungstermine mit den Beteiligten, statt Statusberichten und Prozentangaben in Ticketsystemen oder Projektmanagement-Softwaren gibt es Jourfixe und wenn uns alles über dem Kopf zusammenzubrechen droht, fahren wir alle hundert Mitarbeitenden zwei Tage in Klausur und erzählen uns gegenseitig, was wir machen und planen – um die Lücken und Knoten zu identifizieren.

5. Weil wir über unseren Fachbereich hinaus schauen!

Wir hören von den anderen und ihren Aufgaben. Und wenn wir Ideen haben oder Probleme sehen, beschließen wir nicht, dass das nicht unsere Verantwortung ist, sondern geben Feedback. Wir bieten, wenn möglich und nötig, Unterstützung an oder wenn es ganz knapp ist, fassen wir einfach an. Selbst wenn das auch Überstunden für uns oder unser Team bedeutet.

6. Weil wir uns helfen lassen!

Quasi das Gegenstück zu 5 – und manchmal das schwierigere und das großartigere! Ich glaube nicht, dass es eine krassere Erfahrung dazu gibt als den Kirchentag selbst. Eine Woche bevor der Kirchentag beginnt, reisen sie nämlich an: Die sogenannten Feuerwehren und HAKAs, der Harte Kern der Helfer. Sie übernehmen den Laden, deine Aufgaben, die der Kolleginnen, sie duplizieren und multiplizieren dich, damit an allen Orten und in allen Bereichen Kirchentag gelingt. Sie stellen wenig Fragen, die meisten bringen Erfahrungen mit, weil sie z.B. deine Vorgänger sind oder schon seit 20 Jahren helfen. Sie heißen blacky und steini und du weißt weder ihre bürgerlichen Namen, noch ihre Berufe, du hast keine Ahnung, ob sie eigentlich wissen, was sie tun… Was du die letzten Wochen noch unbedingt organisieren wolltest, sie erledigen es, offene Fragen werden geklärt oder für unnütz erklärt, manche Probleme gleich dreifach gelöst – sie retten dir den Arsch – jede andere Formulierung wäre zu klein.

Und: Wir lassen uns helfen, lassen uns tragen, teilen Verantwortung, danken und hoffen, dass all unser Zutrauen in diese Heinzelmännchen Kirchentage möglich macht.

7. Weil wir alle mitanpacken!

Wenn wir umziehen, packen wir unsere Kisten selbst und tragen sie selbst ins neue Büro. Wenn wir Tausende von Tagungsmappen versenden, packen wir alle ein Wochenende mit an, vom FSJler bis zur Geschäftsführerin. Wenn wir kurzfristige Transparente für eine Aktion brauchen, geht die Teamleitung Farbe kaufen, sucht ein paar Helfer und malt eine Nacht – auch weil Last-Minute-Drucke ziemlich teuer sind. Das alles mag arbeitskostentechnisch nicht immer sofort effizient sein – aber zeigt auf einfachste und deutlichste Weise, wie wichtig jede Aufgabe im Kirchentag ist und dass wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Ich glaube, es zahlt sich zehnfach aus!

Do-it-yourself ist eine Bewegung, die älter ist als der Kirchentag – aber sie passt zu ihm. Wenn wir irgendwie können, machen wir die Dinge lieber selbst, als sie abzugeben. Weil vieles bei uns besonders ist, nämlich für ein Event einmalig groß mit unglaublich vielen Helfer_innen und Mitwirkenden, weil wir wenig Geld haben, weil wir überzeugt sind, dass gemeinschaftlich Erarbeitetes besser ins Mosaik passt als zu glatte Konzepte anderer. Selbst bei Dienstleistungen wie IT oder Layout vertrauen wir Menschen und Agenturen, die beim Kirchentag groß geworden sind, und deren Leitungen viel mehr sind als Dienstleister – nämlich Kollegen, denen wir das gleiche Zutrauen entgegenbringen können wie unseren neuen Kolleginnen.

8. Weil wir größenwahnsinnig sind!

120.000 Dauerteilnehmende, Straßenfeste mit 200.000 – 300.000 Menschen, ein Gottesdienst von beiden Seiten der Elbe, 150.000 schwimmende Kerzen, 50.000 Menschen, die wir in 200 Schulen unterbringen, mit jeweils einem ehrenamtlichen Quartierteam vor Ort, das Frühstück macht, 10.000 Menschen, die fremde Gäste bei sich aufnehmen, Eröffnungsgottesdienste auf Brachen zu drei Seiten von Wasser umgeben, einen ausgedienten Industriehafen inkl. Ausbaggern der Zufahrt in einer Stadt zu neuem Leben erwecken, gemeinsames Mahl mit orthodoxem Ritus für Protestanten, Katholiken und alle an 1.000 Tischen in der Münchner Innenstadt, eine Fisch-Lichtinstallation über die ganze Hohenzollernbrücke über den Rhein – das sind nur ein paar der wahnwitzigen Dinge der letzten Kirchentage.

Wer bei uns mitmacht, ob im Haupt- oder Ehrenamt darf größenwahnsinnig sein, mit gigantischen Zahlen um sich werfen (solange sie nicht die Finanzen betreffen) und die wildesten Ideen haben. Nicht alle werden umgesetzt – aber je verrückter die Idee, desto überzeugender können wir zeigen, wie gut wir improvisieren können.

9. Weil wir wissen, dass der Erfolg eines Kirchentages nicht allein von uns abhängt!

Jeder ist bei uns wichtig und wertvoll, jede leistet ihren Beitrag, dass ein Kirchentag gelingen kann. Ob er das jedoch tut, liegt am Ende nicht in der Hand des Einzelnen. Neben all den Einzelbeiträgen, neben allem Gelingen des Ineinanderspiels gibt es Dinge, die weit außerhalb der Einflussnahme jedes einzelnen von uns liegen: Passt die thematische Fokussierung zu den aktuellen gesellschaftlichen Debatten in den Medien, sorgen die Teilnehmenden für friedvolle Stimmung und inspirierende Begegnungen, spielt das Wetter mit? Wir versuchen, dafür zu sorgen, dass der Rahmen für einen gelingenden Kirchentag geschaffen wird – welches Bild letztlich entsteht, ist offen.

10. Ein theologischer Abspann: Weil die Gnade der Rechtfertigung vorausgeht!

Die Atheisten und Agnostikerinnen unter den Lesern mögen diesen Ausflug verzeihen, aber obgleich der Kirchentag zu 99% schlicht die Organisation eines Großevents ist, trägt viele von uns hier mehr. Unter anderem die Vorstellung, dass wir schon vor jeder Leistung geliebt und wertgeschätzt werden, mit und trotz aller Fehler und Schwächen, die wir mitbringen und die wir machen werden. Der theologische Begriff dafür ist Gnade. Gnade wird nicht verdient, sondern geschenkt und sie wird von jemand Drittem geschenkt. Ob direkt durch einen Gott oder vermittelt durch andere, mag hier gerade mal keine Relevanz haben. Wichtig ist, diese Gnade wird nicht erreicht, nicht erkämpft, kann niemals ein erreichbares Ziel sein, weil wir als Menschen Fehler machen. Aber sie ist da, schon immer und lange über uns hinaus. Sie trägt und stärkt uns und schafft uns einen Boden, einen Grund und die Rückendeckung, um Unmögliches möglich zu machen, zu kämpfen, Herzblut einzusetzen, uns selbst zu riskieren und zu vergessen, was wir nicht können, wie unvollkommen wir sind. Diese Liebe ist nie zu rechtfertigen, aber sie verleiht uns Flügel – im Idealfall für fünf schwebende Tage alle zwei Jahre, in denen viele von diesen Flügeln gestreift werden.

Oster-Ahnung

Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.

Was vielen nicht-oder nur fern-Gläubigen heute so kurios anmuten muss – diese zwei Sätze zaubern mir ungläubiges Lächeln ins Gesicht. Staunen, Unverständnis und dennoch wichtiger als all das: Hoffnung.

Ich begreife die Dimension dieser Sätze nicht – aber mich streift eine Ahnung, bei jeder Wiederholung. Eine Ahnung, dass der Tod nicht das Ende bleibt, eine Ahnung, dass Leben möglich wird, eine Ahnung, dass die Liebe siegt!

Eine Woche voll Trauer und Entsetzen liegt hinter mir: die erschütternden Nachrichten von Dienstag wirken noch, treiben mir noch immer Tränen in die Augen. Vielleicht habe ich Karfreitag noch nie als so trostvoll erlebt. Erlebt, welche Kraft in meiner Gottesvorstellung liegt, dass der/die Leben schenkt, auch bis ins größte Leid und Tod mit uns bleibt.

Am dritten Tage auferstanden – so oft im Glaubensbekenntnis gesprochen. Wie wichtig ist diese Pause, das Aushalten von Leid und Trauer und Hilflosigkeit. Wie furchtbar ist sie.

Dann erneut diese Sätze: Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden. Gesprochen, gesungen und dieses Jahr für mich vor allem in Facebook-Posts.

Und sie umfangen mich, mich die Zweifelnde, mich die Glauben wollende, mich die Ungetröstete. Und jedes Mal klingen in ihnen all die unzähligen Stimmen von Glaubenden und Glaubenwollenden aus zweitausend Jahren.

Euch allen: Frohe Ostern!

Unterwegs sein

– oder der Versuch einer Antwort an alle, die den Reiz davon, schwere Rucksäcke viele Berge hoch und runter zu tragen, nicht verstehen können

Drei Wochen: Sonne – beeindruckende Berge – frische Luft – immer neue weite Blicke – großartige Menschen und pfeifende Murmeltiere. So klingt Urlaub.

Drei Wochen: schwere Rucksäcke – harte Nächte auf Isomatten – Gewitter direkt über einem – Hitze – schmerzende Knie und kreisende Geier. So klingt dieser Urlaub auch.

All das ist untrennbar, wenn das Unterwegssein hilft, zu sich zu finden. Überhaupt das Gehen: das Finden des eigenen Tempos – das Kämpfen mit den eigenen Grenzen – der Stolz, sich das nicht in Worte zu fassenden Panorama so hart erarbeitet zu haben – das Eingestehen der eigenen Bedürfnisse auch gegen die der anderen – die wärmende Sonne auf dem Gipfel auf den durchgeschwitzten Klamotten.

Jeder Schritt ein Gedanke – schauen, wohin den Fuß setzen, auftreten, federn, atmen, weitergehen. Jedes Innehalten des Schrittes einen Blick wert, hinauf und hinab, auf Berge, Seen, tiefe Täler, ins Wetter, auf die Karte: „Wie weit noch, wie weit?“ Bis zum Horizont.

Und weil Worte ja doch nicht reichen – hier also ein paar Bilder vom GR 11 durch Aragon, von Canfranc nach Benasque, mitten durch die höchsten Berge der Pyrenäen.

„Wahrscheinlich Ja“

gescheitert – tief
aufgefangen worden – warmherzig
in Tiefen gefallen – zeitweise endlos
aufgerappelt (worden) – auch wenn es manchmal noch andauert
neugierig erwacht – auf mein Leben
Menschen begegnet – Freunde (wieder)gefunden
aufgeblüht – und nicht mehr bereit, die Sonne je wieder zu verlassen
neu lieben gelernt – einzigartig und vielfältig
ein neues Zuhause – auf dem Weg

Und neulich auf die Frage, ob ich über das Scheitern heute froh sei, überrascht über meine Antwort gewesen:

Wahrscheinlich Ja!

10. Juni – Unterwegs an heiligen Orten

Die Klagemauer

Die Klagemauer

Ausschlafen fällt heute aus. Wer den Tempelberg besichtigen möchte, sollte früh aufstehen, den nur vor den Gebetszeiten ist Nicht-Muslimen der Zutritt gestattet. Das Internet verrät nach viel Recherche Öffnungszeiten von 8.30-11.00 Uhr, aber ganz sicher kann man sich dessen wohl nicht sein. Also suche ich um halb zehn etwas desorientiert nach dem Zugang, der mir als Nicht-Muslima nur durch eines der vielen Tore gewährt werden kann. Verräterisch ist letztlich das Schild, auf dem ein Rabbi gläubigen Juden den Zutritt untersagt, zu groß ist die Gefahr, aus Versehen in das Allerheiligste des zerstörten Tempels zu treten. Nach der Taschenkontrolle geht es über einen Holzweg oberhalb der Klagemauer hinauf.

Der Felsendom

Der Felsendom

Oben bin ich beeindruckt – das Gelände ist weitläufig, die vergleichsweise wenigen Touristen verlieren sich. Hier und da sitzen im Schatten jeweils Männer oder Frauen in Gruppen zusammen, in den Plausch oder das ernste Gespräch vertieft. Vor mir erheben sich die Al-Aqsa-Moschee, das drittwichtigste heilige Platz der Muslime. Und links von mir schimmernd und der Felsendom. Unglaublich, dass eine solche Kuppel bereits knapp 700 n. Chr. gebaut werden konnte. Und trotz der Größe – der zweite Tempel Jerusalems muss den Felsendom in seinen Ausmaßen um einiges übertroffen haben. Leider ist mir das Betreten der Gebäude nicht gestattet, doch bereits das Umwandern der beindruckenden Bauten und eine Pause im Schatten der Bäume sind den Besuch wert.

Blick auf die Al Aqsa-Moschee

Blick auf die Al-Aqsa-Moschee

Nach jüdischer und muslimischer Tradition fand hier die Beinahe-Opferung Isaaks statt, dann erhoben sich hier die Tempelbauten Salomos und Herodes, später erbauten die muslimischen Eroberer den Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee und erinnerten damit an den Ort, von dem Mohammed seine Himmelsreise angetreten hat. Beide Heiligtümer dienten den Kreuzfahrern wiederum als Residenz und Kirche, bis Saladin sie wieder dem islamischen Kult zurückbrachte. Obgleich Gebete anderer als des Islams hier oben verboten sind und trotz aller Konflikte um die ewige Stadt Jerusalem – hier oben ist davon wenig zu spüren – dafür warmer Wind, weite Blicke, Ruhe und Frieden. Beim Gehen wähle ich eines der anderen Tore und werde freundlichst erst von einem Straßenkehrer und dann einem Mann am Tor darauf hingewiesen, dass wenn ich den Platz durch dieses Tor verlasse, ich nicht durch dieses Tor zurückkommen kann. Wie so oft auf meiner Reise bin ich von Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft von allen Seiten immer wieder beeindruckt.

Uralter Olivenbaum im Garten Gethsemane

Uralter Olivenbaum im Garten Gethsemane

Ich suche meinen Weg durch die Gassen bis zum Löwentor/Stephanstor und von dort den Hügel hinab zum Garten Gethsemane. Uralte Olivenbäume stehen ruhig zwischen trubeligen Touristengruppen und aufdringlichen Taxifahrern. In der angrenzenden Kirche lässt sich kurz verschnaufen, als eine Gruppe von Vietnamesen beginnen, einen Gottesdienst zu feiern und gesanggeübte Männerstimmen die Kirche mit Klang erfüllen.

Blick gen Tempelberg aus Dominus Flevit

Blick gen Tempelberg aus Dominus Flevit

Nach einem kurzen Aufstieg Richtung Tempelberg erhalte ich wunderschöne Aussichten vom Garten und aus der Kirche Dominus Flevit. Der kleine schlichte Bau, der an die Trauer Jesu angesichts der kommenden Zerstörung Jerusalems erinnert, ist nicht wie üblich nach Osten ausgerichtet, sondern der Blick über den Alter fällt durch ein helles Fenster nach Westen auf den Tempelberg, Felsendom und dahinter die Grabeskirche.

Weitergeht es heute noch nach Bethlehem. Also wieder hinunter, ein kurzer Abstecher zum Mariengrab und ich erklimme den Berg zur Altstadt erneut, suche meinen Weg durch die verwinkelten Gassen zum Damaskustor und dem dortigen Busbahnhof. Ich finde einen modernen, voll-klimatisierten Bus nach Bethlehem und löse ein Ticket für umgerecht nicht einmal 1,50 Euro – ich glaube, das konnte keiner der zahlreichen Taxifahrer toppen.

Kreuzgang Katharinen an der Geburtskirche Bethlehem

Kreuzgang Katharinen an der Geburtskirche Bethlehem

In Betlehem ausgestiegen weisen Taxifahrer gern den Weg Richtung Geburtskirche, sind aber umso schwerer wieder loszuwerden… Mitten durch den Bazar der Altstadt mit lautem Rufen, viel Gehupe und tausend Läden finde ich meinen Weg zur Geburtskirche. Auch hier ist die größte Herausforderung sich gegen Reiseführer zu wehren und allein den Weg in und durch die Kirchen anzutreten. Trotz verschiedener Altäre, Traditionen und den sich eng an die Kirche drängenden Klöstern verschiedener Konfessionen wirkt der Raum einheitlicher, ruhiger, zentrierter als die Grabeskirche und gewinnt sofort an Ausstrahlung als einige armenische Priester singend ihren Gottesdienst beginnen.

Nach einem kurzen Bummel durch die Seitenstraßen und dem Blick über Bethlehem vom Dach einer Olivenholzmanufaktur finde ich meinen Weg zurück nach Jerusalem.

Festival der Lichter

Festival der Lichter

Der Abend schließt mit einem Spaziergang zurück in der Jerusalemer Altstadt, die kitschig, künstlerisch und so manches Mal recht frech von Lichtinstallationen des Festivals der Lichter durchwoben ist.

Wehmut macht sich breit, unterstützt von einer großzügigen Portion Araq bei einem Bekannten – Morgen verlasse ich diese einmalige Stadt von der ich manches und doch so wenig gesehen habe. Ich werde wohl wiederkommen müssen.

 

9. Juni – Yad Vashem

Es kostet mich Überwindung. Ich gönne mir einen Spaziergang durch die Stadt bis zur Straßenbahn, fahre dann bis zur Endhaltestelle und habe einen kurzen weiteren Spaziergang bis ich vor dem Gelände von Yad Vashem stehe.

Wer hier schon einmal war, dem brauche ich wohl nichts zu beschreiben; davon wie schon wenige Minuten reichen, um mein wohliges Urlaubsgefühl zu verscheuchen und dem Grauen Platz zu machen und immer wieder mit Tränen kämpfen zu müssen. Durch einen sich erst verjüngenden, dann wieder öffnenden Gang aus schlichtem Beton laufe ich in Schlangenlinien durch Ausstellungen und Bilder, Exponate und Installationen, lausche den Erzählungen Überlebender. Grafiken und Zahlen, die unfassbar bleiben, umso mehr, wenn immer wieder die Geschichten einzelner Menschen und Familien fassbar werden, um dann von der Statistik vermillionenfacht zu werden.

Dazwischen die Geschichten von Widerstand und Mut und Mitgefühl; den zahlreichen Versuchen, nicht alles mit sich, nicht alles mit den Nachbarn zuzulassen. Aufstände in den Ghettos, Fluchtversuche. Nationen wie Dänemark, die sich jeder Deportation verweigern, einzelne Menschen, die unter Einsatz und manchmal auch Verlust des eigenen Lebens Bekannte, Freunde und ihnen Fremde schützen und die die bohrende Frage aufwerfen, wieso sie in der Minderheit blieben und noch schlimmer, wie es so vielen Menschen gelingen konnte, Augen, Ohren und Herzen zu verschließen, wegzuschauen, mitzulaufen, mitzumachen… Die Gerechten unter den Völkern können die Katastrophe der Shoa nicht verhindern, doch für Einzelne werden sie zur Rettung, ermöglichten Weiterleben und manchmal Neuanfänge. Sie zeigen, dass der Einsatz für Menschlichkeit und Recht niemals zwecklos und niemals unmöglich ist.

Der Gang weitet sich, am Ende stehe ich mit dem schönsten Blick in Sonne und Weite Israels – den Fotoapparat kann ich mich nicht überwinden, schon wieder auszupacken. Ich schlendere durch die Kunstgallerie, das Außengelände, die Halle der Erinnerung, den Garten der Gerechten, das Denkmal für die Kinder.

Das Gelände schließt, fast vier Stunden sind vergangen, ohne dass ich es gemerkt habe. Sonne und Wind wärmen mich auf dem Weg zurück zur Straßenbahn in das lebendige Jerusalem.

Was bleibt ist Dankbarkeit und Bewunderung auch in den nächsten Tagen – dafür als Deutsche in diesem Land zu Gast zu sein und überall so große Freundlichkeit zu erfahren – selbstverständlich finde ich das nicht.

8. Juni – Jerusalem

Blick vom Ölberg auf den Tempelberg

Blick vom Ölberg auf den Tempelberg

Endlich Sommer! Und eine Stadt zu den Füßen, die obgleich von schon so vielen entdeckt und erobert nun meiner Erlebnisse harrt. Vom Ölberg schauen wir auf das Goldene Tor, Tempelberg, Davidsstadt, Berg Zion und tiefe Täler. In Ostjerusalem ist vom Shabbat nichts zu spüren, Kinder gehen zur Schule, Läden warten auf Kunden doch große Teile der jüdischen Bevölkerung, ob religiös oder nicht setzen ohnehin kaum einen Schritt in diesen Teil der Stadt. Ein Teil des großen jüdischen Friedhofs ist schon vor Jahren einem Hotel gewichen.

Augusta-Viktoria/Himmelfahrtskirche, Jerusalem

Augusta-Viktoria

Wir setzen unsere kleine Tour fort zum Augusta-Viktoria-Hospital. Von hier weitet sich der Blick bis in die Wüste und in der Ferne schimmert schon das Tote Meer. Wir treffen uns zum Plausch mit dem deutschen Pfarrer, der von Arbeit und aus dem Leben in Israel plaudert, besuchen die Kirche, in der die selbstgeschnitzte Bundeslade eines Pilgeres Obhut gefunden hat und genießen Melone und ein laues Lüftchen im Café. Der Puls wird langsamer, die Knochen beginnen aufzutauen, Urlaubsgefühlt stellt sich ein.

Weiter geht es mit dem Gang durch die Altstadt. Auf der Via Dolorosa entlang überholen wir singende Pilgergruppen, die mit einem Holzkreuz voran den Kreuzweg entlang schreiten. Dazwischen arabischer Markt, unzählige Kirchen, enge, angenehm kühle Gassen. Ein kurzer Besuch in der Grabeskirche – doch wer Ruhe und Besinnung sucht ist hier fehl am Platze. Kapelle drängt sich an Kapelle, dazwischen drücken sich Menschenmassen möglichst nah an die heiligen Orte, Blitzlichter von Kameras, Polizeiabsperrungen zur Besucherlenkung. Ein wenig beruhigt es mich, dass sich die Protestanten bei dieser Konkurrenz um kultische Orte zurückhalten. In jedem Fall schafft der Raum mehr Bewusstsein für die Zersplitterung der einen Kirche Christi als Gelegenheit zu Erinnerung und Vertiefung der eigenen religiösen Vorstellungen. Ich atme auf als wir wieder ins Freie treten.

Über den Dächern der Altstadt

Vom österreichischen Hospiz aus werfen wir einen Blick über die Dächer. Mitten im arabischen Viertel tauchen israelische Flaggen auf Häusern auf. Zur Sicherung von Ansprüchen kaufen jüdische Organisationen hier Häuser auf. Die Situation wird damit noch verworrener, jedeR versucht in diesem Land die eigenen Ansprüche auf die Weise zu sichern, die ihm oder ihr möglich ist. Einen Prozess zu gestalten, der allen gleichermaßen gerecht wird, wird damit vermutlich eher weiter verkompliziert.

Doch ganz offenbar will hier jedeR ein Stückchen heiliges Land mit prächtigen Bauten darauf, die großen drei Religionen ebenso wie ihre zahlreichen Konfessionen und jedes Land am Liebsten noch ein prächtiges, repräsentatives Gebäude in den Mauern der uralten Stadt.

Graffiti vor Bar

Graffiti vor Bar

Kaum bricht die Dunkelheit herein, erwacht Westjerusalem erneut. Die Läden und unzählige Bars öffnen und geben uns Gelegenheit den Abend beim Glas Wein im Trubel ausklingen zu lassen. Zwei Straßen weiter zieht eine Demonstration für soziale Gerechtigkeit an uns vorbei.

7. Juni – Ankommen

Meer und Wüste unter mir, der Flieger landet. „Willkommen im Heiligen Land“ textet der Freund, den ich besuchen werde – welch wunderbare Verheißung. Doch vorerst ist davon nicht viel zu spüren. Der Shabbat naht und alles ist in Hektik noch schnell die letzten Verkehrsmittel zu finden. Viele furchtbar hilfsbereite Menschen am Flughafen weisen mir den Weg zum Shuttle nach Jerusalem – leider jeweils den falschen. Also laufe ich doch noch mal runter in die Ankunftshalle und suche besser selber nach den richtigen Schildern – da, endlich gefunden!

Ankommen kurz vor Shabbat in Jerusalem und erste Impressionen: Ein kurzer Spaziergang durch die Altstadt, ein Blick auf die Klagemauer, mehr Trubel als Spiritualität, doch langsam senkt sich Ruhe über die Stadt. Ich bin eingeladen, nicht nur bei einem alten Freund, sondern auch zu seiner neuen Freundin – zum Shabbatessen – ich bin gespannt, auf den Abend und auf sie, von der er so schön formulierte, dass es sich trotz der kurzen Zeit sehr ernst anfühle…

Gebet, gesegnetes Essen, vorsichtiges Kennenlernen und das Geschenk, ein Pärchen beobachten zu dürfen, dessen Miteinander schwankt zwischen schon gefundenen vorsichtig-zärtlichen Routinen und liebevollster Aufmerksamkeit, wie sie die ersten Wochen schenken.